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veröffentlicht am 22.10.2020

Corona und Landwirtschaft

Warum vielfältige Bio-Betriebe besser durch die Krise kommen

Kleine und ökologische Landwirtschaftsbetriebe erhalten wenig bis gar keine öffentliche Förderung. Dabei sind sie nachhaltig und zukunftsweisend. Nun hat sich auch in der Corona-Krise gezeigt: Vielfältig wirtschaftende Bio-Betriebe machten, im Gegensatz zu großen, konventionellen Betrieben, bisher kaum bis gar keine Verluste. Sie sind viel besser an die Krise angepasst. Aber wodurch? Greenpeace und ARCHE NOAH haben drei solcher ökologisch wirtschaftenden Höfe in Österreich besucht und mit den LandwirtInnen gesprochen.

Die Corona-Krise machte der konventionellen Landwirtschaft bisher erheblich zu schaffen. Der Absatzmarkt für Produkte wie Rindfleisch schrumpfte zwischendurch stark durch den Wegfall der üblichen Abnehmer, wie z. B. der Gastronomie. Der Mangel an osteuropäischen SaisonarbeiterInnen führte zu großen Problemen bei der Ernte von Produkten wie Erdbeeren und Spargel. Besonders drastisch zeigten sich die Auswirkungen der Corona-Krise in der Schweinefleisch-Industrie: Diverse Schlachthöfe waren von Corona-Ausbrüchen betroffen. Deutschlands größter Schlachtbetrieb Tönnies verzeichnete bei einem solchen Ausbruch mehr als 1.500 infizierte MitarbeiterInnen und musste den Betrieb für vier Wochen einstellen. Dabei entstand ein massiver „Rückstau“ an Schweinen. Denn bei Normalbetrieb werden dort täglich etwa 25.000 Schweine geschlachtet.

Auf der anderen Seite zeigt sich nun in der Krise die Stärke und Widerstandsfähigkeit der ökologisch wirtschaftenden Betriebe. Bio-Betriebe mit einer vielfältigen Wirtschaftsweise hatten bisher kaum bis gar keine ökonomischen Verluste zu beklagen. Warum konnte die Corona-Krise solchen Betrieben bisher weniger anhaben? Die Gründe sind vielseitig: Durch den Anbau einer großen Vielfalt an Kulturpflanzen und der Nutzung verschiedener Betriebszweige und Absatzwege können Bio-Betriebe flexibler auf bestimmte Gegebenheiten in der Krise reagieren. Gleichzeitig sind sie weniger von global gehandelten Agrargütern abhängig. Denn der Vertrieb von Pestiziden, Saatgütern, Futter- und Düngemitteln wurde während der Krise ebenfalls teilweise eingeschränkt.

Die drei österreichischen Bio-Betriebe Biosain, Biohof Schmidt und Lerchenhof sind drei gute Beispiele solcher Unternehmen, die durch eine biologische und vielseitige Landwirtschaft bisher gut durch die Krise gekommen sind.


Biosain in Thunau/Gars am Kamp

Biosain betreibt seit zwei Jahren eine gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft und erzeugt eine große Vielfalt an Frisch- und Lagergemüse. Abnehmer des Betriebes sind unter Anderem 80 Familien, die für eine gesamte Saison fix jede Woche eine Gemüsekiste von Biosain bekommen. Dabei wird nicht für konkrete Produkte, sondern für die Erträge der Arbeitszeit gezahlt. Und das für das gesamte Jahr zu Beginn der Saison. Das ökonomische Risiko von Ernteausfällen wird auf diese Weise gemeinschaftlich geteilt.

Um besonders ökologisch und platzsparend zu wirtschaften arbeitet Biosain mit Etagenkultur. Die angebauten Pflanzen bringen nicht nur Ertrag sondern haben ihre eigenen Funktionen und ergänzen sich gegenseitig. Bäume erzeugen Obst und spenden Schatten, dazwischen wachsen Beerensträucher und am Boden Gemüse und Kräuter. Der Betrieb legt Wert auf eine Vielfalt an Arten. Er baut 70 Gemüsearten an, von denen es dann wiederum viele verschiedene Sorten gibt: Bei Biosain wachsen 150 Paradeisersorten, wobei es sich hierbei nie um Hybridsorten sondern nur um samenfeste Sorten handelt. Also um Sorten, bei denen der Betrieb die Samen auch selber vermehren kann und nicht davon abhängig ist jedes Jahr neue zu kaufen.

Besonders auf die Unabhängigkeit von externen Inputs (wie Pestizide, Dünger und Treibstoff) wird bei Biosain viel Wert gelegt. Da der Betrieb in der Produktion nur etwa 20 Liter Benzin pro Jahr für die Bodenfräse, den Rasenmäher und die Motorsense verbraucht und der Traktor ausschließlich als „Scheibtruhe“ zum Kompost ausbringen genutzt wird, bleibt man fast gänzlich unabhängig von fossilen Treibstoffen und deren Preisen.

Biohof Schmidt in Neudorf im Weinviertel

Der Biohof Schmidt wird von drei Familienmitgliedern sowie einer Arbeitskraft 20 h/Woche und im Sommer mithilfe von Saisonarbeitskräften im Vollerwerb bewirtschaftet. Der Bio-Betrieb legt seinen Fokus auf Sonderkulturen und Gemüse nach Saison. Hier werden Getreide (Amaranth und Hirse), Mais, Gemüse (wie z. B. Erdäpfel, Karotten, Zwiebeln, Kürbisse, Knoblauch oder Rote Rüben), Mohn, Saflordisteln, diverse Hülsenfrüchte sowie verschiedene Gewürze angebaut. Dabei setzt der Biohof auf eine breite Kulturpflanzenvielfalt und fruchtbaren Boden. Eine Besonderheit ist auch die Tatsache, dass der Biohof Schmidt einen großen Teil der landwirtschaftlichen Erzeugnisse nach der Ernte selbst weiterverarbeitet. Hierzu gehört das Trocknen, Putzen, Einwiegen von Produkten oder wie im Falle von Getreide die Aufbereitung zu Mehl, Grieß, Flocken oder Nudeln.

Etwa 70 Prozent der Produktion werden direkt am Hof vermarktet. Auch ein verpackungsfreier Einkauf ist dort möglich. Ein weiteres Standbein, das Sicherheit schafft, ist die Zusammenarbeit mit fixen PartnerInnen wie Sonnentor oder Foodcoops. Die Corona-Krise hatte bisher keine negativen Auswirkungen auf den seit 1988 biologisch wirtschaftenden Familien-Betrieb. Im Gegenteil. Zu Beginn der Krise stieg die Nachfrage enorm und die direkte Vermarktung bewies sich als großer Vorteil.

“Wir haben nicht viel von der Corona-Krise gespürt - unser Betrieb ist deutlich krisenfester als spezialisierte Betriebe. Wir werden wie geplant noch mehr in eigene Verarbeitungsräume investieren und modernisieren”, sagt Sabine Schmidt, Betriebsleiterin des Biohofs Schmidt.

Lerchenhof im niederösterreichischen Kamptal

Der Lerchenhof ist ein Bio-Kleinstbetrieb, der Honig, Schaffleisch, einige Getreideraritäten sowie Saatgut und Jungpflanzen produziert. Zudem baut der Betrieb auf einem halben Hektar bis zu 150 Gemüsearten an. Auch hier wird viel Wert auf Direktvermarktung am Hof gelegt, verkauft wird aber auch über Märkte und an die Gastronomie. Eine Kooperation mit der Initiative Koch.Campus, die viel auf lokale Partnerschaften für kulinarische Highlights setzt, sowie die Produktion von samenfestem Saatgut für ARCHE NOAH schaffen zudem weitere sichere Abnehmer und Einkommensquellen.

Die Kleinstrukturiertheit der Felder und die Vielfalt der angebauten Produkte bringen natürlich auch neue Herausforderungen. Die Bio-Kontrollen sind aufwendig und aufgrund der kleinen Größe bekommt der Lerchenhof keine öffentliche Förderung. Dennoch bringt diese Art der Bewirtschaftung eine Flexibilität und Sicherheit im Umgang mit Krisen.

„Wenn man so vielfältig wirtschaftet, gibt es nicht so hohe Spitzen bei Gewinn und Ertrag wie bei Spezialisierung. Aber dafür ist die Sicherheit viel höher, die Vielfalt macht uns krisenfest. Ich finde, so sollten eigentlich alle wirtschaften. Wir können so alle Menschen sicher ernähren.“, sagt Franziska Lerch, Diplom Agraringeneurin (FH) und Betriebsführerin des Lerchenhofs.

Für eine zukunftsfähige und krisensichere Landwirtschaft

Blickt man in die Zukunft, so wird ein Umdenken in der Landwirtschaft unumgänglich sein. Eine konventionelle und intensive Landwirtschaft, die auf Flächengröße, Monokulturen, Massentierhaltung und den quantitativen Einsatz von Pestiziden, Dünger und importierten Futtermitteln setzt, hat ihre deutlichen Schwächen. Und diese kommen nicht zuletzt durch Krisen, wie die Corona-Krise, zu Tage. Um für die Anforderungen von morgen bereit zu sein müssen wir nachhaltig denken. Wir müssen Ernährungssicherheit schaffen, die Artenvielfalt schützen sowie Vorteile aus ihr ziehen und uns früher oder später gegen die Corona-Krise sowie kommende Krisen wappnen. Die Ergebnisse der Studie von Greenpeace und ARCHE NOAH und das Beispiel der drei Bio-Betriebe zeigen auf, welche positiven Alternativen es bereits gibt.

Es ist allerhöchste Zeit, dass Agrarförderungen weniger von Flächengrößen abhängig sind und dafür viel stärker an eine vielfältige, umweltfreundliche und moderne Wirtschaftsweise gebunden werden. Weniger Abhängigkeiten von global gehandelten Agrargütern sowie mehr Vielfalt im Anbau schaffen eine Sicherheit in Krisenzeiten.

Aktuell wird über die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union verhandelt. Greenpeace und ARCHE NOAH fordern von Landwirtschaftsministerin Köstinger und Umweltministerin Gewessler, Österreichs Landwirtschaft ökologischer, anpassungsfähiger und krisensicherer zu machen.

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